Wie die Wohnungslosen Lilian und Heiko ein Zuhause fanden

wgn
Basel,
18.02.26
#Wohnen #Über uns #wgn

Lilian Senn und Heiko Schmitz haben über die wgn eine Wohnung und damit den Start in ein neues Leben erhalten. An die eigenen vier Wänden musste sich das Paar allerdings erstmal gewöhnen und auch finanziell war die neue Situation herausfordernd. Dank dem Vertrauen der wgn und dem Verein Surprise fanden sie jedoch auch die Kraft, heute selbst andere zu unterstützen.

Auf dem Esstisch stehen Gipfeli, Tee und eine Vase mit Blumen. An der Wand hängt eine Collage, die Lilian Senn selbst gemacht hat, daneben ein Möbelstück, das ihr Mann Heiko Schmitz selbst geschreinert hat. Vom Balkon aus blickt man auf die Roche-Türme. Das Paar wohnt seit acht Jahren in der Zweizimmerwohnung der wgn und hat sich im Wettsteinquartier ein gemütliches Zuhause eingerichtet.

Für Lilian und Heiko sind die eigenen vier Wände ein Luxus: Beide waren mehrere Jahre wohnungslos. Der Alltag damals war hart. «Wenn du auf der Strasse lebst, bist du für die anderen ein Nichts», erinnert sich die 68-Jährige. «Und ständig stehst du unter Beobachtung. Jetzt sind wir nicht mehr ausgestellt.» Einfach heimkommen und die Tür hinter sich abschliessen, das schätzt das Paar sehr. «Ich habe Geborgenheit, einen Rückzugsort», betont Lilian und fügt schmunzelnd an: «Aber manchmal küssen wir uns erst recht in der Öffentlichkeit.» 

Dank Liebesgeschichte zur Wohnung

Kennengelernt haben sich die Zürcherin und der gebürtige Deutsche bei ihrer Arbeit beim Verein Surprise und während den gemeinsamen Stadtführungen ineinander verliebt. 2018 berichtete das Strassenmagazin Surprise über die Liebesgeschichte von Lilian und Heiko. Im Artikel äusserte das Paar auch den Wunsch einer gemeinsamen Wohnung. Und prompt erhielten die beiden gleich drei Angebote. Eines davon stammte von der wgn. 

Geschäftsführer René Thoma meldete sich und machte das Paar auf das damals neue Projekt Housing First aufmerksam, an dem die wgn beteiligt ist. Die Idee: Obdachlosen Menschen direkt und ohne Vorbedingungen eine eigene Wohnung vermitteln und dadurch Stabilität schaffen. «René hat verstanden, worum es geht und kam uns grosszügig entgegen», erzählt Lilian sichtlich berührt. «Er hat gesagt: Ihr leistet den vollen Mietzins erst, wenn ihr alles geregelt habt. So mussten wir am Anfang nur 500 Franken im Monat bezahlen. Mir sind gleich die Tränen gekommen. Es war so schön, dass mich endlich wieder jemand ernstgenommen hat.» Jahr für Jahr sassen Heiko und Lilian mit René zusammen, um gemeinsam zu prüfen, ob es bei der Reduktion bleibt oder ob sich der Mietzins aufstocken lässt. «Inzwischen bezahlen wir den vollen Mietzins» – dank ihrer Arbeit bei Surprise als Stadtführer, Lilians AHV-Rente sowie der IV-Rente von Heiko und den Ergänzungsleistungen.

Unterstützung für andere Menschen

An ein Dach über dem Kopf mussten sich die beiden allerdings wieder gewöhnen. «Ich habe die ersten vier Monate auf dem Balkon geschlafen», erinnert sich der 60-Jährige. «Ich musste mir das wirklich stundenweise wieder antrainieren, die vier Wände gingen einfach nicht.» Umso mehr freute sich Lilian, diagonal im Bett liegen zu können. «Das habe ich sehr genossen.» Die Möbel fürs Schlafzimmer haben die drei Ehrengesellschaften Kleinbasels aus ihrem Spendenfonds bezahlt. Die Wohnung ist schlicht eingerichtet, ein Sofa benötigen die beiden nicht, sagen sie. Ein Schreibtisch ist Lilian allerdings wichtig. Einerseits, um Kärtchen zu basteln, andererseits, um zu arbeiten. 

Inzwischen unterstützen Lilian und Heiko auch andere Menschen bei finanziellen Problemen und Herausforderungen mit der eigenen Wohnung. Eine Geschichte, die das Paar immer wieder gern erzählt, ist folgende: Ein angehender Stadtführer von Surprise habe ein Jahr lang seine Post nicht mehr geöffnet. «Da habe ich ihm gesagt: Am Sonntagmorgen um acht Uhr kommst du mit all deiner Post zu mir. Dann haben wir sechs Stunden lang Briefe aufgemacht und sortiert», erinnert sich die 68-Jährige. Es kam heraus, dass der Mann seine Rente nicht beantragt hatte. «Montags ging Lilian mit ihm zum Betreibungsamt, damit er das Nötigste bezahlen konnte», ergänzt Heiko. «Und mit ihrer netten Art machte sie auch klar, dass die Beamten die Füsse stillhalten sollten, denn der Mann habe noch zehn Monatsrenten zugute, das Geld komme. Heute haben wir mit ihm eine Vereinbarung: Er macht seinen Briefkasten wieder leer. Er holt sich seine Post ab. Und er kommt jeden Dienstag zu uns, wenn was Wichtiges ist.»

Vertrauen dank gleichem Background

«Die Leute sprechen uns meistens auf der Gasse an und dann gehe ich zu ihnen nach Hause», schildert Lilian ihre Unterstützungsarbeit. «In so kurzer Zeit Vertrauen schaffen, kannst du nur, wenn du selbst in dieser Situation warst», weiss die ehemalige Wohnungslose. Denn auch wenn die eigenen vier Wände Lilian und Heiko eine Existenzgrundlage ermöglicht haben: «Sobald wir die Wohnung hatten, kamen die Betreibungen. Zum Glück erhielten wir genügend Zeit, um alles zu regeln.» Das Paar ist sich einig: Unterstützung zur Wiedereingliederung ist gut, aber eher sollte man dafür sorgen, dass die Leute die Wohnung nicht verlieren.

Einen fixen Tagesablauf haben Lilian und Heiko nicht. Allerdings ist ihnen der gemeinsame Brunch wichtig. Aber auch, dass sie zusammen kochen können – und zwar was und wann sie möchten. «Wir kochen beide sehr gerne», sagt der ehemalige Baustellenleiter. «Und wenn wir uns nicht einig werden, gibt es halt Tiefkühlpizza.» Für ihre Zukunft wünschen sich die beiden, dass sie zusammen alt werden und «mehr oder weniger gesund» bleiben können. «Auch den Job bei Surprise möchte ich noch ein paar Jahre machen. Unbedingt. Der ist super», sagt Lilian und lächelt.

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