Am Kohlistieg/Rüchliweg in Riehen kennt man sich. Das liegt auch an den gemeinsamen Anlässen, die jedes Jahr in der wgn-Siedlung stattfinden. Dahinter steht eine engagierte Interessensgemeinschaft. IG-Leiterin Anuschka Bader erzählt im Interview wie Gemeinschaft entsteht und was es für eine lebendige Nachbarschaft braucht.
Liebe Anuschka, wie kam es dazu, dass du die IG Kohlistieg/Rüchliweg gegründet hast?
Als ich vor etwa acht Jahren einzog, war die Siedlung noch neu. Ich stellte fest: Fast jede Woche kommen neue Mietparteien dazu, und man kennt sich gar nicht. Da kam ich auf die Idee, ein gemeinsames Fest zu organisieren und dachte: Vielleicht möchte sich mir jemand anschliessen.
Wie bist du weiter vorgegangen?
Ich habe einfach allen mal einen Brief eingeworfen und gefragt, ob jemand Lust hätte, mit mir ein Fest zu organisieren. Fünf Personen haben sich gemeldet und seither sind wir als IG aktiv.
Wer ist alles bei der IG dabei?
Inzwischen sind wir zu sechst: Drei jüngere Frauen und drei Rentnerinnen. Aktuell sind wir ein reines Frauenteam. Wir würden uns freuen, wenn künftig auch Männer mitmachen und ihre Ideen einbringen.
Inzwischen gibt es zwei Anlässe pro Jahr. Wie laufen diese Events ab?
Beim Treffen im Sommer grillieren wir bewusst miteinander. Es ist keine externe Person da, die für uns den Grill bedient. So kommen wir in Kontakt und übernehmen gemeinsam die Verantwortung dafür, dass der Anlass funktioniert.
Ein weiterer Anlass findet im Dezember statt.
Genau, die Advents-Teilete. Dabei handelt es sich um ein Buffet, bei dem alle Gebäck mitbringen. Dazu gibt es alkoholfreien Glühwein, den das Altersheim in der Nachbarschaft zubereitet. Alle kommen mit der eigenen Tasse und wir verbringen zusammen den Feierabend am Feuer.
Wer nimmt an diesen Anlässen teil?
Vor allem ältere Leute, Familien sind kaum anwesend. Das ist ein wenig schade.
Wie könnte man das ändern?
Vielleicht müssten es andere Anlässe sein. Ich habe mir auch schon überlegt, bei der WM 2026 eine Grossleinwand draussen aufzustellen. Dann würden wir ein Public Viewing veranstalten.
Was verändert sich im Alltag der Siedlung, wenn man sich dank den Anlässen kennt?
Man grüsst sich nicht nur, man hilft einander auch eher. Die Sozialkontrolle ist da. Man weiss, wie der Alltag der Leute in der Siedlung aussieht und merkt rasch, wenn etwas nicht stimmt. Wenn zum Beispiel die Läden am Morgen geschlossen bleiben, schaut man kurz vorbei. Oder man trägt einer Nachbarin die Harrasse hoch, weil man weiss, dass sie nicht gut zu Fuss ist. Diese Anlässe bringen uns zusammen.
Welche gemeinsamen Anlässe in der Siedlung bleiben dir besonders in Erinnerung?
Wir haben einen Alphornspieler bei uns in der Siedlung. Während dem Lockdown spielte er jeden Abend um Viertelnachsieben auf dem Platz. Die Leute kamen auf den Balkon und es entstand eine Gemeinschaft. Man wusste, wenn er spielt, dann trifft man sich. Das war der Hammer. Er hat das über Wochen durchgezogen. Die Leute schätzten das sehr.
Was braucht es an Engagement, dass so eine IG funktioniert?
Der Aufwand ist klein, aber wir sind eine funktionierende Gruppe. Zwei von uns kümmern sich jeweils um die Dekoration, eine andere Person füllt die Briefkästen mit den Einladungen. Ich berufe die Sitzungen ein und übernehme an den Anlässen die Begrüssung.
«Mein Ziel im Leben ist, möglichst vielen anderen Menschen eine Freude zu machen.»
Was ist deine Grundmotivation, IG-Leiterin zu sein?
Mein Ziel im Leben ist, möglichst vielen anderen Menschen eine Freude zu machen oder etwas Gutes zu tun. Und ich finde, eine Nachbarschaft ist genau das: Man ist füreinander da, wenn man einander braucht. Offiziell habe ich keine spezifische Funktion. Allerdings fühle ich mich schon ein wenig verantwortlich für die Leute im Haus. Während der Coronapandemie habe ich beispielsweise regelmässig für die älteren Leute im Haus eingekauft. Zudem bin ich Präsidentin des Quartiervereins Niederholz. Es vermischt sich alles ein wenig.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der wgn in Bezug auf die Anlässe?
Die wgn bringt uns die Festbänke und bezahlt die Miete des Grills. Beim Adventsanlass sponsern sie den alkoholfreien Glühwein. Auch das Verhältnis mit dem Alters- und Pflegeheim in der Nachbarschaft ist super. Ich kann sagen: Wir brauchen einen Grill oder eine Feuerschale, und dann liefern sie das.
Was wäre dein Wunsch, wie euch die wgn weiter unterstützen könnte?
Dass die wgn die Ausgaben für diese Anlässe übernimmt, finde ich nicht selbstverständlich und schätzen wir sehr. Was wir uns wünschen, wäre ein Zelt oder auch funktionsfähige Sonnenschirme. Wenn wir für die Anlässe eine wettertaugliche Infrastruktur hätten – wenigstens leihweise – dann wäre das toll. Einen Gemeinschaftsraum, den wir bei schlechtem Wetter nutzen können, gibt es in unserer Siedlung leider nicht.
Was sagst du Leuten, die behaupten: Eine solche IG bringt doch gar nichts?
Der Aufwand ist relativ klein und der Nutzen sehr gross. Gemeinsame Anlässe fördern das Miteinander, es entsteht eine Gemeinschaft. Das macht Freude und gibt einem das Gefühl, daheim zu sein. Man ist verankert. Wenn neue Leute einziehen, heisst es immer gleich: «Das ist Frau Bader, unsere IG-Leiterin.» Anonym wohnen wäre nichts für mich.
Und welche Tipps gibst du anderen, die in einer Siedlung auch eine IG gründen möchten?
Du brauchst die richtigen Leute, die Lust haben, sich einzubringen. Der Aufwand ist überschaubar, aber gemeinsam geht vieles leichter.
Die Siedlung Kohlistieg/Rüchliweg
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