Wohnungsnot, Vereinsamung, steigende Baukosten: Wie sieht das genossenschaftliche Wohnen von morgen aus? Und warum stehen Politik, Gesellschaft und Genossenschaften gemeinsam in der Pflicht?
Immer mehr Menschen leben allein, der Anteil der Älteren steigt und freie Grundstücke sind knapp. Das verändert, wie und wo wir in Zukunft wohnen. Wie entsteht genug bezahlbarer Wohnraum und wie lässt sich dabei das Zusammenleben stärken? Darüber und über die Rolle der wgn als grösste Wohnbaugenossenschaft der Region haben wir mit Verwaltungsratspräsidentin Heidi Zaugg gesprochen.
Wer heute in Basel eine bezahlbare Wohnung sucht, braucht viel Geduld. Was bereitet dir in der aktuellen Situation am meisten Sorgen?
Ich denke, die Wohnungsnot ist das grösste Problem. Beheben können wir sie unter anderem, indem wir neue, bezahlbare Wohnungen bauen. Momentan wird aber wenig gebaut, obwohl das ein wesentlicher Ansatz wäre, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Leerkündigungen und Verdrängung sind ebenfalls Riesenthemen.
Die Bevölkerung wird älter, die Haushalte kleiner. Was bedeutet das für den Wohnungsbau?
Ich bin überzeugt, dass sich das Wohnen mit der Gesellschaft verändern wird. Wir müssen Wohnformen finden, die Generationen zusammenbringen und der sozialen Einsamkeit entgegenwirken. Auch Ältere können etwas beitragen und Familien unterstützen. Wir versuchen, Gemeinschaften zu fördern. Dass wir nicht isolierte Silos bauen, sondern Raum schaffen, wo die Leute einen sozialen Halt finden.
Gemeinschaft lässt sich nicht verordnen. Was braucht es, damit sie entsteht?
Ich glaube, dass die Gesellschaft das sucht. Aber es fängt damit an, dass die Räume dafür gemacht sein müssen. Man braucht Flächen für Begegnungen, sei es eine Dachterrasse oder ein Hobbyraum mit Küche. In der wgn machen wir gemeinsam Mieterfeste und stellen öffentlichen Raum zur Verfügung, zum Beispiel für ein Gartenprojekt. Wenn man einen Anstoss gibt, übernehmen die Leute dann gern Verantwortung. So entsteht Austausch.
Bauen auf der grünen Wiese ist kaum mehr möglich. Wo entsteht der Wohnraum der Zukunft?
Natürlich ist es gerade im urbanen Bereich schwierig, neue Wohnflächen zu finden und zu generieren. Ich denke, es gibt viele Möglichkeiten, bestehende Liegenschaften auszubauen und zu verdichten. Wir müssen sie den neuen Bedürfnissen anpassen und so zusätzlichen Wohnraum schaffen. Abbruch ist die letzte Option. Aber es gibt Projekte, wo man abbrechen und neu bauen muss, um mehr Platz zu schaffen. Und es gibt noch Entwicklungsareale in Basel und Umgebung, wo Politik und Gesellschaft ganz klar sagen: Wir möchten bezahlbaren Wohnraum. Da sind wir Genossenschaften gefragt.
Mehr Lebensqualität ohne zusätzliche Grundstücke: Ist das realistisch?
Man hat immer mehr Quadratmeter pro Kopf. Aber kleinere Wohnungen oder das Verdichten haben nichts mit der Lebensqualität per se zu tun. Ich glaube, das Konzept muss gut sein. Wenn ich mich wohlfühle, frage ich mich: Wieso brauche ich überhaupt 20 Quadratmeter mehr, die ich nicht wirklich nutze, sondern die nur kosten? Es gibt auch ältere Menschen, die sagen: Eigentlich habe ich heute viel zu viel Platz, die Kinder sind längst ausgezogen, Reduzieren wäre fast angenehmer. Nur müssen diese Menschen dann eine Wohnung finden, die bezahlbar ist.
«Wir müssen Wohnformen finden, die Generationen zusammenbringen und der sozialen Einsamkeit entgegenwirken.»
Wie saniert ihr ältere Siedlungen, ohne dass die Mieten stark steigen?
Für Grosssanierungen wie beim St. Johanns-Parkweg haben wir aus den Mietzinsen Rückstellungen gemacht. In der Kostenmiete gehen wir teilweise leicht hoch, um die Wertsteigerung zu berücksichtigen.
Auch gemeinnützige Neubauwohnungen sind nicht billig. Wie geht die Rechnung langfristig auf?
Neue Wohnungen zu bauen, ist das Teuerste. Auch für uns. Schliesslich verlangen die Bauunternehmen bei uns die gleichen Preise wie bei den anderen. Aber wir haben die Kostenmiete. Wir überwälzen die Kosten nur. Langfristig sind wir günstiger, weil wir das Genossenschaftskapital nur moderat verzinsen und sonst keine hohen Renditeerwartungen von externen Anlegern befriedigen müssen. Das erwirtschaftete Kapital bleibt also in der Genossenschaft und fliesst nicht ab. Die Wohnungen unserer Bauprojekte bestehen über Jahrzehnte. Wir wollen sie à jour halten. Bezahlbarer Wohnraum soll bei der Qualität keine Einschränkungen haben.
Was müsste die Politik tun, damit mehr gemeinnütziger Wohnraum entsteht?
Es braucht ein klares Statement der Politik: Wir wollen bezahlbaren Wohnraum. Da wir als Genossenschaften limitierte Mittel haben und mit der Kostenmiete arbeiten, brauchen wir Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Wichtig ist, dass man uns bei den Vergaben von Bauland als gemeinnützige Institution berücksichtigt. Oder beim Baurechtszins: Viele Verträge sind an Landpreise gebunden. Wenn die Landpreise steigen, gibt es mehr Kosten. Wir müssen langfristig planen können.
Und was müssen die Genossenschaften selbst unternehmen, um für die Zukunft gerüstet zu sein?
Ich glaube, die Genossenschaften müssen sich professionalisieren. Viele haben vielleicht finanzielle Mittel, aber zu wenig Expertise. Und wir müssen mehr zusammenarbeiten und Kooperationen bilden, damit man vereint auch grössere Projekte stemmen kann.
«Wieso brauche ich überhaupt 20 Quadratmeter mehr, die ich nicht wirklich nutze, sondern die nur kosten?»
Welche Rolle spielt die wgn dabei?
Die wgn ist die grösste Wohnbaugenossenschaft in der Region Basel. Dadurch haben wir eine gewisse Vorbildfunktion. Zudem verfügen wir über eine Verwaltung, deren Expertise wir auch für andere Genossenschaften nutzen können: sei es durch Beratung oder indem wir die Bewirtschaftung ihrer Wohnungen übernehmen. Teilweise machen wir das jetzt schon. Wir sind uns aber bewusst, dass der Bedarf in den nächsten Jahren noch grösser wird, weil in anderen Genossenschaften ein Generationenwechsel ansteht. Diese Unterstützung bieten wir gerne an.
Mit Volta Nord und der Zentrale Pratteln realisiert ihr eure zwei bisher grössten Projekte. Was lernt ihr daraus für die Zukunft des gemeinnützigen Wohnens?
Wir haben dort versucht, die neuen Wohnformen abzubilden. In Volta Nord gibt es beispielsweise drei Dachterrassen, die über Brücken verbunden sind und sich gemeinschaftlich nutzen lassen. Bei der Zentrale Pratteln möchte man den Innenhof den Mietern zur Verfügung stellen. Wir schaffen Begegnungszonen, damit das genossenschaftliche Leben wachsen und funktionieren kann.
Was muss im gemeinnützigen Wohnungsbau unbedingt bleiben, egal wie sich der Markt entwickelt?
Das Wichtigste ist, dass man bezahlbaren Wohnraum schafft. Bezahlbarer Wohnraum ist aus meiner Sicht ein Menschenrecht. Es darf nicht sein, dass wir gerade im urbanen Bereich keinen Wohnraum mehr haben für die Menschen, die kein grosses Budget haben. Das ist eine Aufgabe der Gesellschaft allgemein, nicht nur der Genossenschaften.
Und dein persönlicher Wunsch für das genossenschaftliche Wohnen?
Dass wir das Gemeinschaftliche nicht vergessen. Es ist gesellschaftlich eine riesige Herausforderung, der Vereinsamung entgegenzuwirken. Es braucht Projekte, bei denen die Leute zusammenkommen und sich austauschen können. Gemeinschaftlicher miteinander umzugehen, ist nicht nur für die Genossenschaften, sondern für die ganze Gesellschaft wichtig.
Heidi Zaugg im Interview
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